Jugendamt - Was läuft falsch beim Kinderschutz?
Von Karsten Paulmann | © ZEIT ONLINE 26.6.2009
Die Zahl der Kinder, die ihren Familien weggenommen werden, steigt. Steht das für besseren Kinderschutz? Ein Praktiker sagt: Nein, es steht für staatlich tolerierte Vernachlässigung der Jugendhilfe.
In Deutschland bringen die Ämter immer mehr Kinder und Jugendliche zeitweise in Heimen unter, weil die Eltern mit der Erziehung überfordert sind. Die Zahl der so in Obhut genommenen Minderjährigen stieg 2008 im Vergleich zum Vorjahr um 14,4 Prozent auf 32.300 an, wie das Statistische Bundesamt am Donnerstag mitteilte. Verglichen mit dem Jahr 2005 beträgt die Zunahme sogar 26 Prozent.
Auch die Sorgerrechtsentzüge steigen weiter an. Oft wird dies von Politikern und Medien als positive Entwicklung interpretiert. Die Begründung: Die Kultur des Hinschauens funktioniere, die Bevölkerung reagiere sensibler und die Jugendämter seien sich ihrer Verantwortung stärker bewusst und intervenierten schneller und konsequenter. Als Sozialarbeiter, der tagtäglich mit dem Thema beschäftigt ist, kann ich diese Interpretation nicht teilen.
Anzeige
Jugendhilfe nach Kassenlage
Seit Jahren weisen Sozialarbeiter auf die stetige Zunahme familiärer Notlagen und Krisen hin und fordern, darauf mit dem Ausbau präventiver Hilfen zu reagieren. Das Gegenteil geschieht, jedenfalls in armen Kommunen. Gerade dort, wo es aufgrund der Bevölkerungsstruktur am nötigsten wäre, können sich die Kommunen keine gut ausgestattete Jugendhilfe leisten. Eine Folge des Föderalismus.
Berlin zum Beispiel ist hoch verschuldet. Hier schwelt seit Monaten eine Auseinandersetzung zwischen dem Senat und den Bezirken um den Etat für die Hilfen zur Erziehung. Der Finanzsenator wirft den Jugendämtern und damit uns Sozialarbeitern vor, zu viel Geld auszugeben. Insgesamt 363 Millionen Euro haben die Hilfen zur Erziehung in Berlin 2008 gekostet, 44 Millionen mehr als eingeplant waren. Für 2010 plant der Senat einen Etat von 340 Millionen Euro vor, also erneut 25 Millionen weniger als benötigt.
Der Bezirk Mitte musste kürzlich den Notstand ausrufen und eine Haushaltssperre verfügen. Allein an den Hilfen zur Erziehung sollen sieben von 30 Millionen Euro eingespart werden, das ist fast ein Viertel der zur Verfügung stehenden Mittel. Dazu noch einmal etwa drei Millionen bei der Jugendarbeit und im Jugendfreizeitbereich.
Wie soll das gehen in einem Bezirk, dessen Stadtteile Wedding und Tiergarten bekanntermaßen sozial hoch belastetet sind? Zwei von drei Kindern gelten hier als arm, und viele Eltern sind wegen ihrer eigenen defizitären Kindheit nicht in der Lage, ihre Kinder adäquat zu versorgen, zu erziehen und zu fördern.
"Jeder junge Mensch hat ein Recht auf Förderung seiner Entwicklung und auf Erziehung zu einer eigenverantwortlichen und gemeinschaftsfähigen Persönlichkeit." So formuliert der § 1 des Kinder- und Jugendhilfegesetzes ein Ziel. Statt dem gerecht zu werden, werden Familienhilfen pauschal gekürzt, wieder und wieder auf ihre Notwendigkeit geprüft, später eingeleitet und früher beendet.
Wenn die Not in den Familien zunimmt und die vorbeugenden Hilfen eingeschränkt werden, dann ist die gestiegene Zahl von Sorgerechtsentzügen und Inobhutnahmen die logische Konsequenz einer fatalen Entwicklung. Statt die Prävention zu stärken und dafür Geld zur Verfügung zu stellen, setzt die Politik auf mehr Kontrolle und Eingriffe in die Familie. Das gerade gescheiterte Bundeskinderschutzgesetz wurde von der überwältigenden Mehrheit der Praktiker gerade deswegen heftig kritisiert und ist zu Recht gescheitert.
Angst auf allen Seiten
Die Kultur des Hinschauens funktioniert zwar tatsächlich leidlich, aber leider meist sehr spät. Außerdem führt sie gelegentlich auch in die falsche Richtung. Kevin, Lea-Sophie, Lara. Schon die Erwähnung dieser Namen und die damit verbundenen Schicksale machen Angst. Unter dem Druck der Medien und der Politik verstärkt sich die Angst der Eltern ebenso wie die der Sozialarbeiter. Das Gleiche gilt für Verwandte, Nachbarn, Erzieher, Lehrer, Ärzte und andere, die mit Kindern zu tun haben.
Im Berliner Bezirk Mitte zum Beispiel liegt bei jeder dritten Meldung nach gründlicher Überprüfung keine Kindeswohlgefährdung vor. Dennoch wird natürlich jeder nachgegangen; in der Regel auch mit Hausbesuchen durch zwei Sozialarbeiter. Der Zeitaufwand ist enorm.
Die "Kultur des Hinschauens" hat zwei Seiten. Die schlechte Seite: Eltern nehmen Hilfen nicht in Anspruch aus Angst, das Jugendamt könnte ihnen die Kinder wegnehmen. Sozialarbeiter greifen früher ein, weil sie befürchten müssen, sonst in der Zeitung und vor Gericht zu stehen. Politiker machen restriktive Gesetze, um sich nicht Tatenlosigkeit vorwerfen lassen zu müssen. Das alles nützt den Kindern nicht.
Inobhutnahmen und Sorgerechtsentzüge sind gravierende Eingriffe in das Leben von Familien. Für alle Beteiligten und besonders für die Kinder bedeuten sie eine traumatische Erfahrung, selbst wenn sie ihrem Schutz dienen. Und was wird dann aus diesen Kindern?
Die allermeisten kehren doch in ihre Familien zurück und dann werden endlich ambulante Hilfen gewährt, nicht zuletzt auch, um die hohen Kosten einer längeren Unterbringung zu vermeiden. Die Fachleute und Praktiker sind sich weitgehend einig. Wir brauchen personell und materiell ausreichend ausgestattete Jugendämter und andere Einrichtungen der Jugendhilfe, vor denen Eltern keine Angst haben müssen. Sie sollen sich als Partner der Eltern verstehen und rechtzeitig helfen, um Katastrophen zu vermeiden.
Dann sind Inobhutnahmen und Eingriffe in das Elternrecht die Ultima Ratio und nicht die Regel. Extreme Ausnahmefälle sollten nicht unser tägliches Handeln bestimmen. Mehr Kontrolle ist der falsche Weg, nicht nur beim Kinderschutz.