Missbrauch/Genetik
Gequälte Gene
VON SVEN STOCKRAHM | © ZEIT ONLINE, 24.2.2009 - 17:00 Uhr
Schläge und Missbrauch in der Kindheit verwunden auch unser Erbgut. Schlimmste Erlebnisse können unsere Persönlichkeit verändern und sogar die Selbstmordgefahr erhöhen.
Die Gene vergessen nicht: Wer als Kind Opfer von Gewalt wird, dessen Erfahrungen brennen sich auch in sein Erbgut ein Es sind Narben, die keiner sieht. Sie verstecken sich im Gehirn und stammen von Taten aus der Vergangenheit. Wer als Kind geschlagen, gedemütigt oder vergewaltigt wurde, dessen Leid spiegelt sich auch in seinem Erbgut wider. Misshandlungen verändern die Zellen des Hippocampus, der Schaltstelle unserer Gefühle und Erinnerungen. Es sind Wunden, die nicht mehr heilen.
Erstmals haben Forscher belegen können, dass furchtbare Erlebnisse aus der Kindheit nicht nur unser Gedächtnis, sondern auch unsere Gene prägen: „Kindesmissbrauch kann die körperliche Antwort auf psychischen Stress verändern und das Selbstmordrisiko erhöhen“, schreiben Michael Meaney von der McGill University in Montreal und sein Team im Wissenschaftsmagazin Nature Neuroscience. Die Forscher untersuchten das Hirngewebe von insgesamt 24 Suizidopfern und zwölf Unfalltoten. Die Hälfte derjenigen, die sich umgebracht hatten, wurden in ihrer Kindheit psychisch oder physisch missbraucht. Die anderen zwölf Selbstmörder hatten keinerlei derartige traumatische Kindheitserlebnisse. Nun verglichen die Forscher das Erbgut dieser Todesopfer mit dem der Unfalltoten. Das Ergebnis: Nur im Erbgut der misshandelten Menschen fanden sich Auffälligkeiten.
„Diese Studie gibt der Frage, wie sich Kindheitserlebnisse auf die lebenslange geistige Gesundheit eines Menschen auswirken, eine wissenschaftliche Grundlage“, sagt Osborne Almeida. Der Mediziner forscht am Max-Planck-Institut für Psychiatrie in München. „Unsere Umwelt verhält sich entweder im Einklang mit unserem genetischen Material oder setzt es manchmal komplett außer Kraft.“ Genau das scheint den Genen der traumatisierten Opfer passiert zu sein. Ihre Misshandlungen haben auch offene Wunden in den Zellen ihres Gehirns hinterlassen. Eben solche, die es ihnen versagte, dass ihre Psyche wieder heilen konnte.
Doch wie können Schläge unsere Persönlichkeit verändern und sich auf das Selbstmordrisiko von Menschen auswirken? Alles, was im Körper und Geist eines Menschen vor sich geht, wird von Genen gesteuert, denn sie enthalten die „Bauanleitungen“ für Eiweiße. Diese Proteine wiederum sind für unseren gesamten Stoffwechsel zuständig. Einige von ihnen steuern sogar die Bildung anderer Eiweiße, die beeinflussen, welche Gene abgelesen werden und welche nicht.
Bei den Missbrauchsopfern, deren Gehirne Michael Meaney und seine Kollegen untersuchten, war die chemische Hülle, die die Gene umgibt, an einigen Stellen verändert. Wichtige Erbanlagen im Gehirngewebe waren dadurch automatisch abgeschaltet. Die Folge: Im Körper der Betroffenen wurde das Stresshormon Cortisol weitgehend unkontrolliert ausgeschüttet. Eiweiße, die das Hormon eigentlich im Zaum halten, konnten nicht mehr eingreifen. „Es ist, als würde einem bei voller Fahrt die Bremse abhanden kommen“, sagt Almeida. Das Zusammenspiel aus Glück und Angst, Ruhe und Stress, ist gestört.
Normalerweise hilft uns Cortisol in hektischen Situationen den Überblick zu behalten. Wenn die Nebenniere genug des Stresshormons ausgeschüttet hat, erkennen dies bestimmte Empfänger im Gehirn. Diese Glucocortoid-Rezeptoren sind entscheidend: Nur wenn sie richtig funktionieren, können sie den Cortisolfluss stoppen und regulieren. Gelingt ihnen dies nicht, können wir uns weniger gut konzentrieren und langfristig nehmen Gehirn und Geist Schaden. Das ist den untersuchten Toten passiert, deren Kindheit ein Martyrium gewesen sein muss. Ihr Gen namens NR3C1, wurde durch die Misshandlungen verkrüppelt. Es ist die Erbinformation, die die Bauanleitung für den Stressrezeptor enthält. Ohne ihn geraten wir offenbar in ein Gefühlschaos.
„Allerdings heißt das nicht, dass jeder, der in seiner Kindheit eine Ohrfeige bekommen hat, schwere Depressionen bekommt und zum Selbstmörder wird“, warnt Almeida. Zudem seien wichtige Fragen noch ungeklärt: „Hatten die Selbstmordopfer, bei denen niemand Missbrauch dokumentiert hat, auch wirklich eine unbeschwerte Kindheit?“ Auch die Autoren der Studie geben zu bedenken, dass ihre Ergebnisse alternative Erklärungen nicht ausschließen.
Die Epigenetik ist erst am Anfang und es ist eine sehr umstrittene Forschung. Es geht um die Frage, was nach den Genen kommt: Sind allein unsere etwa 20.000 bis 25.000 Erbinformationen dafür verantwortlich, wer wir sind und zu wem wir werden oder sind es äußere Einflüsse? Welche Rolle spielen Umwelt, Kultur und unsere Erziehung? Was macht uns zum gutmütigen Wohltäter, was zum Unmenschen?
Die Antwort ist vermutlich eine Mischung aus beidem: „Die Epigenetik lehrt uns zumindest, dass die Gene mit denen wir geboren werden, sich durch unsere Erfahrungen verändern können – zum Guten, wie auch zum Schlechten,“ sagt Almeida. Die Forschung auf diesem Gebiet sei sehr vielversprechend: „Sie wird vermutlich das erklären, was uns die Gene allein nicht erzählen können.“ Ob die Epigenetik einmal helfen könnte, Therapien oder gar Medikamente zu entwickeln, die abgeschaltete Gene wieder anknipsen, wisse niemand. „Es wäre falsch, Versprechungen über das Ungewisse zu machen.“
Welche große Rolle die Epigenetik spielen könnte, lässt sich aber schon erkennen. Eine niederländische Studie belegt etwa, dass Großmütter, die zu Kriegszeiten hungern mussten, nicht nur kleinere Töchter zur Welt brachten. Auch die Enkel waren noch untergewichtig, obwohl deren Mütter in der Schwangerschaft genug zu essen hatten. Bestimmte Gene, die eine Rolle bei der Ernährung spielen, waren bei den Großmüttern abgeschaltet und wurden sogar weitervererbt. Epigenetiker untersuchen auch, welche Umwelteinflüsse etwa Krebsprogramme in unserem Körper auslösen.
Osborne Almeida ist sich sicher, dass die Wechselwirkung zwischen Genen und Umwelt die Evolution ergänzen. „Es gibt Hinweise, dass viele Anpassungsmechanismen auch vererbbar sind.“ Das haben auch Meaney und sein Team bereits im Tierversuch nachweisen können. Ob die Weitergabe abgeschalteter Gene den Kindern von Misshandlungsopfern zum Nachteil wird, lässt sich anhand der Ergebnisse noch nicht sagen. Selbst ob das Suizidrisiko und Kindesmissbrauch in direktem Zusammenhang stehen, ist keinesfalls klar: „Es steckt nicht alles in den Genen, dennoch sollten wir aufpassen, wie wir mit ihnen umgehen,“ sagt Almeida. „Und wir sollten uns besser um unsere Kinder kümmern.“