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Jugendkriminalität

Jugendgewalt lässt sich eindämmen

VON CHRISTOPH SEILS | © ZEIT ONLINE 17.3.2009

 

Die neue Studie des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen zeigt: Jugendgewalt ist kein Schicksal, man kann etwas dagegen tun - nichts jedoch mit Populismus.

 

Die entsetzliche Gewalttat von Winnenden schreit nach Erklärungen. Die Zeitungen sind seit Tagen voll von mehr oder weniger originellen Versuchen, das bislang Unerklärbare zu erklären. Doch am Ende bleibt der Amoklauf eines Jugendlichen eine singuläre Tat, über deren Ursachen erst gesprochen werden kann, wenn ihre Entstehung und ihr Verlauf umfassend untersucht worden sind. Und dafür ist es noch viel zu früh.

 

Auch die am Dienstag veröffentlichte Studie über Jugendgewalt und Rechtsextremismus gibt keine Antwort auf das „Warum“ von Winnenden. Wenngleich sich viele Journalisten mit dieser Frage auf das umfangreiche Zahlenwerk stürzen, das das Kriminologische Forschungsinstitut Niedersachsen (KFN) aus Hannover in den letzten beiden Jahren zusammengetragen hat.

 

Über Winnenden und über Amokläufer gibt die Studie keine Auskunft. Dafür allerdings erklärt sie auf Basis eines bislang in diesem Umfang einmaligen Umfrageergebnisses die Ursachen von Jugendgewalt und Extremismus.

 

Zunächst einmal ist Jugendgewalt ganz überwiegend ein Jungenproblem. Hauptschüler und Jugendliche mit Migrationshintergrund hauen demnach besonders häufig über die Stränge. Darüber hinaus gibt es gleich eine Reihe von individuellen Erklärungsfaktoren. „Gewalt legitimierende Männlichkeitsnormen“ und „delinquente Freunde“ gehören genauso dazu wie „intensives Schulschwänzen“, „Alkoholkonsum“, „erlebte Elterngewalt“ aber auch „gewalthaltige Medien“.

 

All diese Aspekte stehen in einem signifikanten Wirkungszusammenhang - doch keiner ist allein Ursache für Gewaltausbrüche. Deshalb sind auch alle ach so schnell erhobenen Verbotsforderungen bestenfalls wohlfeil, nicht jedoch angemessen: weder ein generelles Alkoholverbot bei Jugendlichen noch die sogenannten Killerspiele.

 

Ein bisschen mehr Differenzierung schadet nicht, und dabei kann die Studie helfen. Schließlich zeigt sie nicht nur das tatsächliche Ausmaß an Jugendgewalt auf - das übrigens weniger groß ist als die vielen Schlagzeilen in den Medien vermuten lassen - , sondern weist auch auf mögliche Ursachen hin. Vor allem aber legt sie dar: Jugendgewalt ist kein Schicksal, sondern man kann sie präventiv eindämmen. Etwa durch die Ächtung von Gewalt in den Schulen, durch die abschreckende Erhöhung der Anzeigebereitschaft, durch Aufklärung der Eltern oder bessere Freizeitangebote.

 

Vor allem aber gibt es einen deutlichen Zusammenhang zwischen Bildung und Gewalt. Je höher die Bildung desto geringer die Gewaltbereitschaft. Gleichzeitig ist die Gewalt von jungen Immigranten kein ethnisches oder religiöses Problem, sondern eine soziales und eine Frage von Wertevermittlung.

 

Der eigentliche Reiz dieser umfangreichen Studie liegt noch in etwas anderem. Erstmals können mit ihr die Phänomene Jugendgewalt, Rechtsextremismus und Ausländerfeindlichkeit bei Schülern regional differenziert analysiert werden. Da zeigt sich zum Beispiel, dass es in Süd- und Ostdeutschland weniger Gewalttaten gibt als in Nord- und Westdeutschland, dass esStädte gibt, in denen die Jugendgewalt in den letzten zehn Jahren deutlich gesunken ist und solche in denen sie weiter ansteigt.

 

Auch gibt es Regionen, in denen es quasi keine rechten Kameradschaften gibt und andere, in denen sich fast jeder fünfte Jugendliche zu einer solchen bekennt. Aus der vergleichenden Analyse dieser Regionen lassen sich möglicherweise neue Erkenntnisse über die Ursachen von Gewalt und Extremismus sowie Erkenntnisse über mögliche Gegenstrategien entwickeln.

 

Manchmal allerdings lassen sich auch nur bereits bekannte Zusammenhänge eindrucksvoll belegen. In Hannover zum Beispiel ist es aufgrund von breitem kommunalen Engagement gelungen, zwischen 1998 und 2006 die Zahl der türkischen Jugendlichen, die einen Realschulabschluss oder das Abitur anstreben, von 52 auf 67,5 Prozent zu erhöhen. Gleichzeitig halbierte sich die Zahl der Mehrfachtäter.

 

In München zeigt sich die entgegengesetzte Entwicklung: Dort ist der Hauptschulanteil junger Türken doppelt so hoch wie in Hannover, gleichzeitig ist die Zahl der Mehrfachtäter in den letzten zehn Jahren von 6 auf 12,4 Prozent angestiegen.

 

Die Jugendgewalt-Studie des KFN zeigt also: Prävention lohnt sich, und sie straft gleichzeitig alle konservativen Populisten Lügen, die von Zeit zu Zeit härtere Strafen für Jugendliche fordern und sogar Kinder in den Knast sperren wollen.