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Jugendhilfe in Not

© ZEIT online, 18.06.2008

Die Kinderarmut und die Probleme unter Jugendlichen nehmen zu, aber der Staat spart beim Personal. Der Jugendhilfetag diskutiert nun über neue Konzepte

 

© David Hecker/ddp Horst Köhler wählte klare Worte. Mehr Engagement für Kinder aus ärmeren Familien forderte der Bundespräsident. „Umsonst ist das nicht zu haben, aber klar ist auch: Wer an den Kindern spart, spart an unser aller Zukunft.“

Köhler sagte dies im Vorfeld des 13. Kinder- und Jugendhilfetags, den er am Mittwoch in Essen eröffnete. Auf dem zentralen Fachkongress diskutieren Fachleute und Praktiker über neue Konzepte der Kinder- und Jugendhilfe. Lösungen werden in der Tat dringend benötigt. Denn während Experten mit Blick auf die Armut bei Jugendlichen und Familien Alarm schlagen, wird bei Hilfe und Betreuungsmaßnahmen weiter gespart.

Am Montag meldete die Arbeitsgemeinschaft Kinder- und Jugendhilfe (AGJ), die auch den Jugendhilfetag ausrichtet, dass in Deutschland mehr als jeder vierte Jugendliche in Armut lebt. Selbst diejenigen 16- bis 24-Jährigen, die einen Job haben, seien von Armut betroffen. Ausbildungsvergütungen lägen oft unter der Armutsgrenze. „28 Prozent der jungen Menschen in dieser Altersklasse müssen teilweise auf Hartz-IV-Niveau leben – oder sogar darunter“, sagte der AGJ-Vorsitzende Norbert Struck.

Auch gibt es in Deutschland einen deutlichen Zusammenhang zwischen Armut und Gesundheitsproblemen bei Kindern und Jugendlichen. Das hat eine am Dienstag veröffentlichte Studie der Weltgesundheitsorganisation WHO gezeigt. Der Studie zufolge hat sich zwar der Gesundheitszustand der Heranwachsenden insgesamt in den vergangenen vier Jahren verbessert. Allerdings gibt es eine Gruppe von etwa 20 Prozent, die unter anderem wegen ihrer sozial prekären Lage ihre Gesundheit massiv schädigt, so die Untersuchung. Trotz dieser Befunde sparen Länder und Kommunen weiter an der Kinder- und Jugendhilfe. Wie das Deutsche Jugendinstitut berechnet hat, wurde zwischen 2002 und 2006 fast ein Drittel des Personals in der klassischen Jugendarbeit eingespart. Für die Betreuung von Familien mit Problemen setzte der Staat den Angaben zufolge heute 13 Prozent weniger Beschäftigte ein. Besonders im Osten Deutschlands wurde viel Personal eingespart – mit dem Argument, dass dort Geburtenraten gesunken sind.

Mitverantwortlich für die massiven Sparmaßnahmen könnte ausgerechnet eine eigentlich positive Absicht sein: Für den geplanten Ausbau der Kindertagesstätten würden Gelder der Jugendhilfe umgeschichtet, sagte der AGJ-Vorsitzende Struck. Der Chef des Deutschen Jugendinstituts, Thomas Rauschenbach, warnt, die Sparmaßnahmen fortzusetzen:

„Wenn Jugendliche ins rechtsextreme Lager abdriften, wenn sie gewalttätig werden, kann Schule allein das nicht korrigieren.“