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10.01.2019 · Fast Fashion Ein T-Shirt für 2,50 Euro ist so.....

Fast Fashion
Ein T-Shirt für 2,50 Euro ist so ignorant wie grausam

Fast Fashion: KiK muss pakistanischen Arbeitern kein Schmerzensgeld zahlen. Das ändert nichts daran, dass sich die Textilindustrie ändern muss – und zwar unter mehr politischem Druck.

KiK muss pakistanischen Arbeitern kein Schmerzensgeld zahlen. Das ändert nichts daran, dass sich die Textilindustrie ändern muss. Denn der Kunde ist schwach. Ein Kommentar von Carmen Böker
10. JANUAR 2019, 16:18 UHR

Kann ein deutsches Unternehmen dafür haftbar gemacht werden, unter welchen Bedingungen es im Ausland produzieren lässt? Um diese Frage ging es am Donnerstag vor dem Dortmunder Landgericht. Klage eingereicht hatten vier Betroffene eines Großbrandes in einer pakistanischen Fabrik, die vorrangig für den deutschen Textilhändler KiK fertigt. Bei dem Feuer im Jahr 2012 waren mehr als 250 Arbeiterinnen und Arbeiter ums Leben gekommen.


Das Gericht hat die Klage auf Schmerzensgeld wegen mangelhafter Sicherheits- und Brandschutzvorkehrungen abgewiesen: Sie sei nach pakistanischem Recht verjährt. So einfach mag das vielleicht juristisch sein. Die moralische Frage aber bleibt offen: Wie gehen wir damit um, dass für uns der Preis der Globalisierung nur im nächsten Schnäppchen, in noch einem T-Shirt für 2,50 Euro besteht?
Der Anwalt Remo Klinger, der die Kläger vor Gericht vertrat, hatte vorher erklärt, hier gehe es um mehr als Schmerzensgeld – um einen Präzedenzfall nämlich: "Menschenrechtliche Standards zu erfüllen ist nicht nur Sache von Staaten, sondern auch von privaten Unternehmen." Und vielleicht sollte man hier noch weiter ins Private gehen, zu jeder und jedem Einzelnen von uns: Daran, dass das ungehemmte Konsumverhalten des reichen Westens die verheerenden Produktionsumstände im Bereich der Fast Fashion erschafft, ändert nämlich auch eine wegen Verjährung abgewiesene Klage nichts.

Der Textildiscounter KiK muss kein Schmerzensgeld an vier Betroffene eines Fabrikbrandes in Pakistan bezahlen. Laut dem Gericht sind die Ansprüche der Kläger verjährt.
Der Brand in Karatschi ist nicht die einzige nationale Tragödie, die wir mitverschulden: Der Einsturz des Rana Plaza Building in Sabhar – auch dort wurde für KiK produziert – im Jahr 2013 gilt als schwerster Fabrikunfall in der Geschichte Bangladeschs, dort wurden 1.135 Menschen getötet und 2.438 verletzt.


Man muss nun unterscheiden: In Pakistan hat mutmaßlich eine Schutzgeldmafia Feuer gelegt, in Bangladesch ist ein Fabrikbau eingestürzt. Dennoch geht es in beiden Fällen um Standards, die nicht eingehalten, um gefährliche Mängel, die ignoriert wurden. Am Gebäude in Bangladesch waren gravierende Risse festgestellt worden, dennoch hielten sich darin am Tag des Einsturzes Tausende Menschen auf. Die Fabrik in Karatschi wies vergitterte Fenster auf, die im Brandfall von innen nicht zu öffnen waren, es gab Holzböden, die schnell Feuer fingen, und nur einen einzigen Rettungsweg, wie der Opferanwalt ausgeführt hatte.

KiK hat nach dem Brand mehr als sechs Millionen Dollar für die Betroffenen zur Verfügung gestellt, das soll nicht unterschlagen werden. Und nach Karatschi, nach Sabhar wurde in Deutschland 2014 das Bündnis für nachhaltige Textilien ins Leben gerufen. Es soll, so der Bundesentwicklungsminister Gerd Müller, "soziale, ökologische und ökonomische Verbesserungen entlang der gesamten Textillieferkette erreichen". Es hat heute rund 130 Mitglieder, darunter rund die Hälfte der umsatzstärksten Unternehmen des Textileinzelhandels in Deutschland – auch KiK – sowie Nichtregierungsorganisationen, Verbände, Gewerkschaften.

Nur: Vor zwei Jahren hatte das Textilbündnis noch 200 Mitglieder – viele sind schon wieder ausgetreten. Dabei darf hier jedes Mitglied seine eigenen Zielsetzungen definieren, sei es der Einsatz von mehr Biobaumwolle, die Verbesserung von Arbeitsbedingungen, die Dokumentation von verwendeten Chemikalien oder transparenterer Buchführungen. Die jährlichen Roadmaps zeigen, dass viele Unternehmen sich tatsächlich in kleinen Schritten um Verbesserung bemühen. Aber was bringt es globalen Prozessen, wenn lokal jeder für sich selbst entscheidet, wie viel Mühe er sich machen möchte? Die grundlegende Forderung der Fair Wear Foundation nämlich, dass Unternehmen sich zu Kontrollen externer Gutachter verpflichten, ist im Textilbündnis kein Thema.

Da muss dringend mehr Druck aufgebaut werden, denn nur so kann sich etwas ändern: wenn eine Produktion bis zum letzten Subunternehmer durchleuchtet werden kann. Und wenn, siehe Pakistan und Bangladesch, die Firmen den globalen Zusammenhang anerkennen.

Denn auch das stimmt: Wir sind ganz offensichtlich zu viele und zu schwach, wenn wir uns unbeobachtet fühlen, als dass man sich bei der Verbesserung der Welt auf unser Konsumverhalten verlassen könnte. Es ist eine Klischeevorstellung, dass aufgeklärte Verbraucher Konzerne zum Umdenken zwingen können – und in politischer Hinsicht sogar fatale Faulheit. Von der Entscheidung mit dem Einkaufswagen ist beispielsweise immer dann die Rede, wenn es um fehlende Regulierungen in der Lebensmittelindustrie geht. Einer Lebensmittelampel etwa, die den Gehalt an Fett, Salz, Zucker ausweist, verweigert sich hierzulande die Bundesernährungsministerin Julia Klöckner; solche Vereinfachungen erzeugten Verwirrung.

Im übertragenen Sinne bedeutet das: Das T-Shirt für 2,50 Euro ist die Pizza Hawaii der Textilbranche. Die Verbraucher ahnen schon, dass sie damit – bei sich oder anderswo – Schaden anrichten können. Aber gekauft wird das Ding trotzdem, schließlich gibt es nicht mal einen Beipackzettel, den man studieren könnte über Risiken, Nebenwirkungen und die wahren Kosten der billigen Produkte. Aber kein BSE-Skandal, keine Ehec-Epidemie, kein Brand in Pakistan und kein Einsturz in Bangladesch werden mit freiwilligen Selbstverpflichtungen der Produzenten und Konzerne verhindert.

24.08.2018 · Bevor es zu spät ist DIE ZEIT 35 / 2018

FLÜCHTLINGSPOLITIK
Bevor es zu spät ist
Der Vorschlag, abgelehnte Asylbewerber mit Job im Land zu lassen, ist richtig – auch sicherheitspolitisch
VON CATERINA LOBENSTEIN
www.zeit.de/audio
Wenn in letzter Zeit in der Union um Flüchtlingspolitik gestritten wurde, ging es fast nie um Flüchtlingspolitik. Es ging um die Union – und um die Frage, wie CDU und CSU verhindern können, von der AfD rechts überholt zu werden.
CSU-Chef Horst Seehofer etwa verkämpfte sich dafür, bestimmte Flüchtlinge auch gegen den Willen der EU an der bayerischen Grenze zurückzuweisen; die Kanzlerin flog deshalb zu eilig anberaumten Gesprächen durch halb Europa. Das sollte Tatkraft simulieren, änderte aber an den Tatsachen fast nichts – weil die Zahl der betroffenen Flüchtlinge winzig war.
Nun hat der CDU-Mann und schleswig-holsteinische Ministerpräsident Daniel Günther einen Vorschlag gemacht, der vor diesem Hintergrund fast schon absurd pragmatisch erscheint. Es geht darin zur Abwechslung mal nicht um Symbolpolitik und bayerische Wählerstimmen, sondern um die Sache an sich. Um eine wichtige noch dazu: darum, was aus Menschen werden soll, deren Asylantrag abgelehnt wurde, die aber trotzdem oft jahrelang in Deutschland bleiben. Etwa weil sie keinen Pass vorzeigen wollen oder können oder weil sie in langen Gerichtsverfahren gegen ihren Asylbescheid klagen.
Führende Unionspolitiker halten den Plan für naiv
Günther will abgelehnten Asylbewerbern die Chance geben, legal im Land zu bleiben, wenn sie einen Job haben. Spurwechsel nennt sich das; die Abgelehnten sollen aus dem Asylsystem auf jenen Pfad wechseln, den sonst reguläre Arbeitsmigranten nutzen, um nach Deutschland einzuwandern. Sie bekämen dann keinen Flüchtlingsschutz, sondern ein Arbeitsvisum.
SPD und große Teile der Opposition unterstützen den Plan. Führende Unionspolitiker aber halten ihn für naiv. Sie glauben, dass er die falschen Signale sendet: Kommt nach Deutschland, hier dürft ihr bleiben, selbst wenn euer Asylgesuch abgelehnt wird! Das wäre genau der Anreiz, den die Christdemokraten vermeiden und mit größtmöglicher Härte ersticken wollen.
Mittlerweile versuchen sie um fast jeden Preis, abgelehnte Asylbewerber loszuwerden. Selbst psychisch Kranke und Flüchtlinge, deren Asylverfahren noch gar nicht beendet ist, werden in Abschiebeflieger gesteckt. Und im Entwurf für das Einwanderungsgesetz, mit dem der Bundesinnenminister Arbeitskräfte aus den Ausland anwerben will, spielt der Spurwechsel keine Rolle.
Dabei ist er keine schlechte Idee. Und zöge keineswegs automatisch neue Migranten an – vorausgesetzt, dass er ein einmaliges Angebot bleibt. Bayerische Industrie- und Handelskammern haben schon vor Jahren vorgeschlagen, aus Asylbewerbern Arbeitsmigranten zu machen und die Regelung an einen Stichtag zu knüpfen. Sie käme dann nur denen zugute, die schon in Deutschland sind. Für Neuankömmlinge würde sie nicht gelten.
Zurzeit hat rund ein Viertel der gut 130.000 abgelehnten Asylbewerber im erwerbsfähigen Alter einen festen Job. In Gaststätten und Hotels, in Security- oder Klempnerbetrieben. In Branchen also, die Arbeitskräfte dringend gebrauchen können. Gerade die kleineren Unternehmen haben viel Geld und Zeit in die Ausbildung von Asylbewerbern gesteckt. Ihnen die mühsam rekrutierten Arbeitskräfte wegzunehmen wäre das falsche Signal.
Natürlich kann es passieren, dass in ein paar Jahren nach einem neuen Stichtag gerufen wird. Doch die Zahl der Flüchtlinge, die es überhaupt noch nach Deutschland schaffen, sinkt. Man hat also die Wahl, potenzielle Migranten abzuschrecken, die womöglich gar nicht kommen – oder sich um diejenigen zu kümmern, die da sind.
Dazu kommt ein sicherheitspolitisches Argument. Seit Juli werden vermehrt Menschen abgeschoben, die gut Deutsch sprechen und einen festen Arbeitsplatz haben. Berufsschullehrer erzählen, wie seitdem die Motivation in ihren Klassen verpufft. Sie berichten von einst verlässlichen Lehrlingen, die nicht mehr zur Arbeit kommen. Die empfänglich werden für Schwarzarbeit und Drogengeschäfte, statt auf legalem Weg in eine Zukunft zu investieren, die es in ihren Augen nicht mehr gibt. Aus Angst, bald selbst im Flugzeug zu sitzen, geben sich viele von ihnen auf, auch wenn längst nicht alle abgeschoben werden.
Von den mehr als 10.000 unmittelbar ausreisepflichtigen Afghanen traf es seit 2016 nicht einmal 350. Die meisten Betroffenen werden also weiter hier leben. Die Frage ist nur, wovon.

12.05.2018 · Mit aller Macht von Uwe Jean Hauser

DIE ZEIT 20/2018

Das FBI jagt Martin Winterkorn. Die Methoden mögen zweifelhaft sein – aber das Ziel ist richtig
Es ist die Königsfrage in der VW-Affäre: Was wusste Martin Winterkorn? Genauer: Wann wusste der ehemalige VW-Chef davon, dass sein Konzern mithilfe einer speziellen Software die Abgaswerte für Dieselmotoren manipulierte? Winterkorn selbst hat sich darüber aufgeregt, dass er nicht informiert worden sei, bevor der Betrug ans Licht kam. Doch die Indizien sprechen dafür, dass diese Empörung gespielt war und der Topmanager keineswegs umgehend die Aktionäre und die Behörden alarmierte. Und das ist noch die harmlose Variante des Verdachts, diejenige, in der Winterkorn die Sache weder abnickte noch duldete, sondern nur mit der Bekanntgabe wartete, um den Konzern zu schützen. Eine vorsätzliche Täuschung wäre es gleichwohl.

Was Winterkorn wusste, das müssen Staat und Konzern also mit aller Macht versuchen aufzuklären. Doch müssen die Deutschen es auch gut finden, dass ein ehemaliger Spitzenmanager nach Wildwest-Manier von den Vereinigten Staaten verfolgt wird, wo ihm 25 Jahre Haft drohen? Dass ein hochrangiger FBI-Agent ihn mit Haftbefehl jagt und der Justizminister der USA ihm und seinen Mitangeklagten droht – nach dem Motto, wer sich mit den USA anlegt, zahlt einen hohen Preis?

US-Ermittler müssen mit wenig Widerstand rechnen, wenn es gegen Europäer geht
Zunächst lautet die Antwort: Nein. Aus gutem Grund mahlen die deutschen Rechtsmühlen langsamer. Und auch wenn da kein Befehl von ganz oben in Washington kommt, so ist doch klar: US-Ermittler müssen zu Hause wenig Widerstand befürchten, wenn sie sich mit ausländischen Konzernen und ihren Managern anlegen. Das galt für europäische Banken bei der Verfolgung von Finanz- und Steuersünden genauso, wie es jetzt für einen der beim Präsidenten so verhassten deutschen Autoriesen gilt.

Und dennoch: Offenbar brauchen wir in Deutschland die Cowboys aus Amerika, wenn es darum geht, unternehmerisches Unrecht zu verfolgen. Das war so, als das Bestechungssystem bei Siemens aufflog, das war so, als es um Manipulationen der Deutschen Bank vor der Finanzkrise ging. Und im Fall von VW ist es nicht anders.

Nie hat das Unternehmen den Eindruck erweckt, dass man der Verantwortung des Ex-Chefs wirklich auf den Grund gehen wollte. Im Gegenteil. Winterkorn musste zwar 2015 gehen, bekam bei der Gelegenheit aber willfährig bestätigt, er habe nichts gewusst. Auch später hielt VW an der Version fest, dass die Affäre unterhalb des Vorstands stattgefunden habe. Und als der Aufsichtsrat schließlich doch zu prüfen begann, ob er gegen Winterkorn vorgehen müsse, da klang dies eher bedauernd.

So trug der Konzern dazu bei, dass der Fall am Gerechtigkeitsempfinden der Deutschen nagt. Martin Winterkorn war immerhin zeitweilig der höchstbezahlte Dax-Chef, in der Spitze verdiente er rund 16 Millionen Euro im Jahr. Für ihn war das sein Anteil am Erfolg. Die Frage ist allerdings: Wo ist jetzt sein Anteil am Misserfolg, an der Krise, am Skandal?

Die staatlichen Ermittlungen dauern auch in Deutschland an. Noch ist keine Entscheidung bei den Braunschweiger Staatsanwälten gefallen, ob Anklage gegen Winterkorn erhoben wird. Im Zweifel treibt die US-Justiz indirekt auch das Verfahren hierzulande voran. Es ist betrüblich, dass die Deutschen anscheinend immer noch den Anstoß aus Übersee brauchen. Geht es um das Fehlverhalten von Topleuten in der Wirtschaft, dann hat Deutschland noch einiges zu lernen.

Die Justiz sollte Manager ebenso wie jeden anderen Bürger ohne Zögern verfolgen, sofern ein Vergehen naheliegt. Und die Konzerne sollten andere Regeln für die Chefs durchsetzen. Stellt sich auf lange Sicht heraus, dass der einstige Erfolg mit unlauteren Mitteln erkauft wurde, dann sollten die Manager ihre Boni wieder hergeben müssen – unabhängig von persönlicher Schuld. Sie mussten ja während ihrer goldenen Zeiten auch nicht nachweisen, dass der Erfolg wirklich ihr Verdienst war. Im Übrigen passt es nicht zu den CEO-Gehältern, dass Chefs wie Winterkorn noch eine monströse Pension von mehr als 3000 Euro am Tag einstreichen. VW könnte darauf zugreifen und sie einbehalten, als Schadensersatz.

Mehr Verantwortung und weniger Versorgung, damit wäre schon einiges erreicht. Ganz unabhängig davon, ob Martin Winterkorn irgendwann irgendwo ins Gefängnis muss.

www.zeit.de/audio

14.06.2017 · Flüchtlinge

EU geht rechtlich gegen Ungarn, Polen und
Tschechien vor

Drei osteuropäische Länder haben bislang keine oder nur wenige Flüchtlinge aus
Italien und Griechenland aufgenommen. Die EU-Kommission leitet deshalb ein
Verfahren ein.

13. Juni 2017, 15:59 Uhr / Aktualisiert am 13. Juni 2017, 16:35 Uhr / Quelle: ZEIT ONLINE, afp, dpa, bb /

Die EU-Kommission leitet im Streit um die Aufnahme von Flüchtlingen ein
Vertragsverletzungsverfahren gegen Ungarn, Polen und Tschechien ein. Die Behörde hat ein
rechtliches Vorgehen gegen die drei Länder beschlossen, das zu Verfahren vor dem
Europäischen Gerichtshof und Geldbußen führen kann. Grund ist die Weigerung, sich an
einer 2015 in der EU beschlossenen Umverteilung von Asylbewerbern aus den
Hauptankunftsländern Italien und Griechenland zu beteiligen.
Die im September 2015 vereinbarte Verteilung sei eine rechtlich verbindliche Entscheidung,
sagte EU-Migrationskommissar Dimitris Avramopoulos. Die drei Länder hätten seit mehr als
einem Jahr nichts in der Hinsicht unternommen. Er lobte zugleich Österreich und die
Slowakei für deren Zusage, Flüchtlinge aufzunehmen. Die EU könne ihre Mitgliedstaaten an
ihren Außengrenzen nicht allein lassen, sagte Avramopoulos. Die Umverteilung könne aber
nur funktionieren, "wenn alle Mitgliedstaaten ihren fairen Anteil übernehmen".

Ausnahmen könne es nicht geben. "Bei Europa geht es nicht nur darum, Gelder zu erhalten oder die
Sicherheit zu garantieren", sagte der griechische Politiker. Es gehe auch um Solidarität und
politische Verantwortung.
Die ungarische Regierung hat bereits Widerstand gegen den Kommissionsbeschluss
angekündigt. Die Regierung in Budapest betrachte die Eröffnung des
Vertragsverletzungsverfahren "als Erpressung und uneuropäisch", sagte der ungarische
Außenminister Peter Szijjarto im Parlament. Seine Regierung werde "niemandem erlauben,
illegal nach Ungarn einzureisen". Ungarn hat wie die Slowakei vor dem Europäischen
Gerichtshof gegen die Verpflichtung zur Flüchtlingsaufnahme geklagt.
Auch Polen kritisiert das von der EU-Kommission angekündigte
Vertragsverletzungsverfahren. "Die Entscheidung der Europäischen Kommission kann uns
von der Ausarbeitung des notwendigen politischen Kompromisses bei der Flüchtlingspolitik
entfernen", sagte Polens Vize-Außenminister Konrad Szymanski am Dienstag. Die
Maßnahmen drohten die Teilung innerhalb der EU zu vertiefen. Polen würde seinen
Standpunkt auch vor dem Europäischen Gerichtshof verteidigen, sagte Szymanski.
Den eigenen Widerstand gegen die beschlossene Vereinbarung begründet Polens
Regierungspartei Recht und Gerechtigkeit (PiS) mit Sicherheitsbedenken. Mögliche EUSanktionen
seien haltlos, da die Sicherheitspolitik Ländersache und keine Sache der
Europapolitik sei, argumentieren die Nationalkonservativen. Sollten aber tatsächlich solche
Maßnahmen ergriffen werden, müssten auch jene EU-Länder bestraft werden, die dem
Quotensystem zwar zugestimmt, aber der daraus resultierenden Verpflichtung bisher nicht
nachgekommen seien, forderte Szymanski. Alle EU-Länder hätten bei der Umsetzung
"fundamentale Probleme".
Die EU-Innenminister hatten im September 2015 gegen den Widerstand mehrerer
osteuropäischer Länder die Umverteilung von 120.000 Asylbewerbern aus den
Hauptankunftsländern Italien und Griechenland beschlossen. Sie sollten bis September
2017 nach einem Quotensystem in andere Mitgliedstaaten gebracht werden. Bereits zuvor
hatte sich eine Reihe von Mitgliedstaaten freiwillig verpflichtet, 40.000 Flüchtlinge
aufzunehmen. Dem damaligen Beschluss der Mehrheit der EU-Staaten zufolge sollen
160.000 Menschen aus Italien und Griechenland in andere Mitgliedsländer

17.05.2017 · Kinder das wird teuer! DIE ZEIT Ausgabe 19/2017

VON KERSTIN BUND

Das Geschäft mit der Angst beginnt an einem Ort, der weniger bedrohlich nicht sein könnte. Junge Pärchen schieben sich auf dem Hamburger Messegelände durch die Gänge von Halle B6: werdende Mütter mit Babybauch, junge Väter mit Kinderwagen. Die Babywelt hat ihre Tore geöffnet, Deutschlands größte Ausstellung rund ums Kind. Im vergangenen Jahr lockte sie in sieben Städten insgesamt 100 000 Besucher an.

Babyphon mit Sensoren unter der Matratze und Kamera: 289,99 Euro
Messedamen reichen quadratisch geschnittenes Dinkelvollkornbrot mit veganem Brotaufstrich, dazu Kokosmilchdrinks. Es gibt eine »Still-Lounge«, eine »Wickel-Oase« und eine »Fütter-Bar« mit Fläschchenwärmer und Gratis-Biobrei.
Ich bin zu diesem Zeitpunkt selbst im siebten Monat schwanger, und wie ich so durch die luftballonleichte Babywelt streife, bekomme ich eine Ahnung, welcher milliardenschwere Markt sich um das Elternwerden aufgetan hat: Baby-Overalls für 150 Euro und Kinderwagen für 1500 Euro. Hier begegne ich auch jener Industrie, die aus der Verunsicherung von Müttern und Vätern Kapital schlägt. Die Branche kalkuliert die Liebe der Eltern in ihre Geschäfte ein – und verdient viel Geld mit deren Ängsten.
Das wird mir klar, als ein Vertreter der Firma VitalInnovations ein babyfußgroßes Gerät unter meine Nase hält. »Das ist der Snuza Hero. Man klemmt ihn einfach an die Windel dran«, erklärt mir der Mann. Und dann? »Kontrolliert er die Atmung Ihres Babys. Wenn es innerhalb von 15 Sekunden nicht atmet, vibriert er. Nach weiteren fünf Sekunden ertönt ein schriller Alarmton. Den hören Sie im ganzen Haus.« Und wozu? Der Apparat sei mehr für die Mutter als für das Kind gedacht, räumt der Verkäufer ein: »Damit Sie wieder beruhigt schlafen können.« Und weil ich offenbar nicht überzeugt aussehe, holt er zum Schlag aus: »Der Snuza kann den plötzlichen Kindstod verhindern. Er hat schon einigen Babys das Leben gerettet.« Kosten: 109,95 Euro.
Deutschland mag kinderarm sein, aber die Kinder, die es noch gibt, sind reich an Besitz
Dem Geschäft mit der Angst begegne ich ein paar Stände weiter schon wieder: Ein Mitarbeiter der Firma Gesslein wirbt dort für »den ersten Schlafsack mit intelligenter Temperaturregulierung«. Das Spezialvlies stamme aus der Weltraumforschung, die Nasa verwende dasselbe Material, erzählt er stolz. »Sehen Sie diese Waben hier? Da sind spezielle Kügelchen drin: Die kühlen und wärmen zugleich. So bleibt die Körpertemperatur Ihres Babys immer konstant.« Das sei wichtig, denn »beim Schlaf zu überhitzen ist das Hauptrisiko des plötzlichen Kindstods«. Den Schlafsack, aus dem jeder Säugling schnell herausgewachsen ist, gibt es mit Schäfchen, Eulen oder Sternen – für bis zu 129,99 Euro das Stück.
6,525
Milliarden Euro geben Deutsche im Jahr für Kinderausstattung aus
Beim Aussteller BabyOne könnte ich noch ein Babyphone der Marke Angelcare erwerben: Damit würde ich mein Kind im Schlaf nicht nur hören, ich könnte es dank einer Videokamera mit Nachtsichtmodus auch vom Sofa aus überwachen. Die mit Sensoren ausgestatteten Matten unter der Matratze schlagen Alarm, wenn die Atmung aussetzt. Ein »Schutzengel im Kinderzimmer« für 289,99 Euro.
Atemstillstand, Überhitzung, plötzlicher Kindstod – mit solchen Schlagworten schüren die Aussteller gezielt Panik bei den Eltern. Denn nur wer Angst hat, gibt Geld für Produkte aus, die vermeintliche Sicherheit versprechen. Während das Risiko für ein Neugeborenes, in den ersten Lebensmonaten am plötzlichen Kindstod zu sterben, bei uns seit Anfang der neunziger Jahre um 90 Prozent sank, wächst die Furcht vor diesem Schicksalsschlag ins Unermessliche. Im Jahr 1991 fielen dem Sudden Infant Death Syndrome (SIDS) noch 1285 Kinder zum Opfer, zuletzt waren es 127. Eltern wissen heute, dass sie in der Wohnung nicht rauchen, das Kind nicht zu heiß einpacken und es zum Schlafen nicht auf den Bauch legen sollen. Das gilt als halbwegs gesichert. Alles, was noch dazukommt, ist ziemlicher Hokuspokus.

»Teddy the Guardian« misst mit der Tatze die Temperatur: 129 Euro
Später im Internet finde ich ein Dutzend weiterer baby wearables – also tragbare Hightechgeräte, die den Säugling vor dem drohenden Ende bewahren sollen. Die per App gesteuerte Spezialsocke von Owlet überwacht die Herz- und Sauerstoffrate am kindlichen Fuß und schlägt bei Auffälligkeiten auf dem Handy der Eltern Alarm (280 Euro). Und in der Bärentatze von »Teddy the Guardian« versteckt sich ein Sensor, der fortlaufend die Körpertemperatur seines kleinen Besitzers misst (129 Euro). Der Selbstoptimierungswahn von Erwachsenen, die mithilfe von Sensoren, Programmen und Apps an einer perfekten Version ihrer selbst feilen, hat nun auch den Säugling erfasst. Das normierte, dauerüberwachte Kind wird normal.
Da spielt es kaum eine Rolle, dass Kinderärzte vor der Totalüberwachung im Kinderzimmer warnen – die Geräte lösen nämlich nicht nur häufig Fehlalarme aus und bestrahlen die Kleinen mit Elektrosmog – anstatt die Eltern zu beruhigen, verunsichern sie sie. Das Medizinblatt Jama fand keinerlei Nachweis dafür, dass die tragbaren Apparate Unfälle bei gesunden Kindern verhinderten. Die amerikanische Kinderärztevereinigung warnt sogar ausdrücklich vor dem Einsatz von Überwachungstechnik, weil sie Eltern falsche Sicherheit verspreche.
2976
Euro kostet die Erstausstattung fürs Baby im Durchschnitt
Noch nie waren Eltern so besorgt – und noch nie so kaufkräftig. Im Schnitt 2976 Euro kostet es laut dem Kölner Institut für Handelsforschung, den Sprössling schon vor der Geburt mit Wiege, Wickelbodys und Wärmelampe auszustaffieren. 80 Produkte umfasst allein die Erstausstattungsliste des Fachhändlers BabyOne. Danach wird es richtig teuer: 656 Euro geben Paare nach Berechnungen der ZEIT auf Basis aktueller Daten des Statistischen Bundesamts für ihr Kind aus – Monat für Monat. Deutschland mag kinderarm sein, aber die paar Kinder, die es noch hat, sind reich an Besitz. Zwischen 2006 und 2013 sank die Zahl der bis Zwölfjährigen um acht Prozent, in derselben Zeit wuchs der Markt für Baby- und Kinderausstattung um neun Prozent. 6,5 Milliarden Euro setzen die Hersteller von Kinderwagen über Babybetten bis zu Laufrädern um.
Die Kluft zwischen überbehütetem und unterversorgtem Nachwuchs ist dabei gewaltig. Jedes fünfte Kind hierzulande ist von Armut bedroht. Arme Kinder sind häufiger krank, sie schreiben die schlechteren Noten, studieren später seltener und sterben sogar früher. Die Eltern dieser Kinder haben kein Geld für teure Überwachungssoftware und Design-Kinderwagen. Ihnen gegenüber stehen die Eltern, die sich vor Konsum überschlagen. Und es ist klar, wer auf dem Babymarkt die Maßstäbe setzt.
Längst sind Kinder die Schätze der Industrie, ein wachsender Wirtschaftsfaktor. Doch neuerdings verkauft die Branche sie nicht mehr bloß als Stifter des Glücks, sondern auch als Quelle von Angst und Schrecken. Wie wurde aus der Sorge um den Nachwuchs ein Milliardengeschäft? Diese Frage treibt mich um. Und ich mache mich auf die Suche nach Antworten.
Sie beginnt praktisch gleich mit dem Feststellen der Schwangerschaft, denn auch Gynäkologen haben die Unsicherheit werdender Eltern als Einnahmequelle entdeckt. Ich weiß erst seit ein paar Wochen, dass ich ein Kind erwarte, als mir mein Frauenarzt eine Reihe zusätzlicher Untersuchungen anbietet: eine Ultraschall-Flatrate, mit der ich mein Ungeborenes bei jedem Arzttermin in 3-D- und 4-D-Aufnahmen bestaunen kann. Für das Babyfernsehen verlangt er 130 Euro. Er empfiehlt mir auch, mein Blut auf Antikörper gegen Toxoplasmose (27 Euro), Zytomegalie (31 Euro) und Ringelröteln (17 Euro) testen zu lassen – die Erreger könnten dem Fötus schaden. Und schließlich legt er mir – zur Abklärung von Chromosomenstörungen – das Ersttrimester-Screening (135 Euro) nahe oder (»noch viel zuverlässiger«) gleich den Praenatest (399 Euro).

Dieser Kinderwagen mit Ledergriff kostet rund 1000 Euro
All diese zusätzlichen Untersuchungen müsste ich natürlich selbst bezahlen. Die Krankenkasse übernimmt die Kosten nicht. Sie sind nicht Teil der Mutterschaftsrichtlinien, in denen der Gemeinsame Bundesausschuss den Umfang ärztlicher Betreuung während der Schwangerschaft festgelegt hat. Diese sehen drei Ultraschalluntersuchungen bis zum Geburtstermin vor. In deutschen Frauenarztpraxen werden Schwangere aber um ein Vielfaches häufiger durchleuchtet: Laut einer Studie von 2015 im Auftrag der Bertelsmann Stiftung bekamen 84 Prozent der Teilnehmerinnen mindestens viermal – meistens häufiger – einen Ultraschall. 97 Prozent wurden zudem routinemäßig an Wehenschreiber angeschlossen. Das wird zwar eigentlich nur bei einem auffälligen Befund empfohlen, Ärzte und Hebammen können es aber jedes Mal abrechnen. Vier von fünf Schwangeren zahlen außerdem für allerhand zusätzliche Tests. Das Fazit der Studie: Werdende Mütter in Deutschland sind »überversorgt«. Nirgendwo in Europa würden sie häufiger untersucht als hierzulande. Schwangerschaft und Geburt, schreiben die Autorinnen, seien kein natürliches Lebensereignis mehr, sondern ein »wirtschaftliches Event«.
Nun könnte man einwenden, dass zu viele Untersuchungen ja nicht schaden. Doch in Wahrheit ist jeder weitere Test, der die werdenden Eltern doch beruhigen soll, geeignet, sie noch mehr zu verstören. Das Geschäft mit der Angst führt nicht zu weniger Angst, sondern zu weiteren potenzierten Ängsten. Oder, wie es in der Bertelsmann-Studie heißt, »zu einem defizitären, gleichsam pathologischen Blick auf die Schwangerschaft«. Früher waren Schwangere »guter Hoffnung«, heute sehen sie sich und ihr Kind von tausend Gefahren bedroht und umstellt. Ein Recht auf Nichtwissen bleibt ihnen kaum.
Im schlimmsten Fall zwingt die Vermessung des Ungeborenen dessen Eltern zu einer seelisch sehr belastenden Entscheidung: 90 Prozent der Paare, die vor der Geburt erfahren, dass ihr Kind mit dem Down-Syndrom behaftet zur Welt kommen wird, lassen den Fötus abtreiben. So berührt das Geschäft mit der Elternangst auch die Grundzüge des humanen Handelns. Es stellt wachsendes Leben unter Vorbehalt. Das gesunde Kind wird zur gesellschaftlichen Norm.
Das suggeriert auch der Werbeflyer, der im Wartezimmer meines Frauenarztes ausliegt. Darauf ist ein halb nackter Mann mit einem ganz nackten Baby zu sehen. »Stammzellen aus dem Nabelschnurblut«, steht darunter. Weiter hinten lese ich etwas von »biologischer Gesundheitsvorsorge« und einer »einmaligen Versicherung für die Zukunft Ihres Kindes«. Klingt gut – und wichtig. Auf der Internetseite des Anbieters Eticur bestelle ich weiteres Informationsmaterial. Im Anschreiben rät mir der Geschäftsführer Felix Raslag: »Sichern Sie Ihrem Kind eine gesündere Zukunft.« Wer will das nicht?
Kurze Zeit später empfängt mich Herr Raslag in seinem Büro an einer Münchner Ausfallstraße. Kein Schild an der Tür, nur die Klingel verrät mir, dass ich hier richtig bin. Im Besprechungsraum hängen riesige Fotos von Babys, diesmal in Windeln.
Herr Raslag, volles Haar, gebräunte Haut, strahlend weiße Zähne, erklärt mir das Geschäftsmodell seiner Firma. Eticur ist einer von fünf privaten Anbietern in Deutschland, die Stammzellen aus dem Nabelschnurblut von Neugeborenen einlagern. Das geht so: Eine Hebamme klemmt die Nabelschnur gleich nach der Geburt ab, punktiert die Vene und fängt das Blut in einem Plastikbeutel auf. Ein Kurier bringt das Präparat per Eiltransport ins Labor, wo es in Tiefkühltanks mit flüssigem Stickstoff bei minus 175 Grad eingefroren wird. Mit den aus dem Blut gewonnenen Stammzellen, so Raslags Versprechen, können diese Kinder, falls sie später einmal schwer erkranken, besser behandelt werden. Der Vorteil: »Weil diese Zellen vom eigenen Organismus stammen, stößt der Körper sie nicht ab.« Das Blut für 25 Jahre einzulagern kostet 2595 Euro. 50 Jahre kosten 3595 Euro. Seine Kunden, erzählt Raslag, seien vor allem Akademiker: Ärzte, Anwälte, Architekten. Die Mütter Spätgebärende, im Schnitt 34 Jahre alt.
Aber welche Krankheiten sollte man mit solchen Stammzellen behandeln? Da wird der Geschäftsführer unbestimmt. Zwar kämen sie heute schon vereinzelt bei Störungen der Blutbildung zum Einsatz, doch das Potenzial sei weitaus größer: Nabelschnurblut sei »eine Therapieoption der Zukunft«, sagt Raslag. Weltweit liefen klinische Studien, die »hoffnungsvolle Ergebnisse« in Aussicht stellten. In einigen Jahren könne man mit diesen Zellen womöglich Alzheimer, Parkinson, Multiple Sklerose, Diabetes, möglicherweise sogar Autismus heilen. Raslag lächelt zuversichtlich und meint: »Wir stehen kurz vor einem Quantensprung.« 16 000 Spenden hat seine Firma bereits eingelagert. Bis heute wurde noch kein einziges Kind mit den eigenen Stammzellen behandelt.
Wolfgang Bethge wundert das nicht. Der Stammzellexperte der Uni-Klinik Tübingen hält Raslags Geschäftsmodell für »Geldmacherei mit den Ängsten von Eltern«. Bislang gebe es keinerlei wissenschaftlichen Beleg dafür, dass die Heilungschancen mit Stammzellen aus Nabelschnurblut besser seien als herkömmliche Therapien. »Da könnten Sie auch Lotto spielen, das kommt Sie günstiger.« Nur bei ausgewählten Krankheiten hätte sich die Transplantation von Stammzellen bislang bewährt, erklärt der Hämatologe. Zum Beispiel bei der Behandlung von Lymphknotenkrebs oder Leukämie. Doch ausgerechnet hier ist das eigene Blut aus der Nabelschnur wenig hilfreich, weil sich die Vorläufer der Krebszellen häufig schon vor der Geburt gebildet haben. Blutkrebspatienten bekommen deshalb die Stammzellen von verwandten oder fremden Spendern eingepflanzt.
Aber was, wenn Wissenschaftler aus Stammzellen demnächst ganze Organe züchten, wie Felix Raslag es prophezeit? »Selbst wenn die Forschung große Fortschritte macht, können Jahrzehnte vergehen, bis eine Therapie im Klinikalltag zum Einsatz kommt«, sagt Bethge. Und ob eine Stammzellkonserve dann überhaupt noch zu gebrauchen sei, sei fraglich. »Wir können im Moment nicht einmal sicher sagen, ob die Gefrierbeutel so lange halten.«
Mir dämmert: Nabelschnurblut ist eine Versicherung, für die man heute kräftig bezahlt, ohne zu wissen, ob sie morgen noch einen Cent wert ist. Warum bloß lassen sich werdende Eltern auf so was ein?
Eltern folgen den Kaufappellen bereitwillig. Sie kompensieren fehlende Zeit durch Konsum
Aus Marketingperspektive sind sie eine dankbare Zielgruppe. Schon die Erwartung, demnächst ein zartes, hilfloses Wesen im Arm zu halten, beschwört ihre Beschützerinstinkte. Hinzu kommt die Hormonumstellung der Mütter. Welchen Einfluss Hormone auf Kaufentscheidungen haben, erklärt mir der Berliner Psychologe Benny Briesemeister: »Der weibliche Körper produziert in der Schwangerschaft und nach der Geburt vermehrt Oxytocin.« Dieses Kuschelhormon versetze Mütter »in einen emotionalen Ausnahmezustand«, sagt der Neuromarketingexperte. Darüber verlieren Frauen natürlich nicht ihren Verstand, aber sie greifen eher zu Produkten, die Sicherheit versprechen. »Vertrauen ist die wichtigste Währung auf dem Babymarkt«, sagt Briesemeister. Deshalb prangt auf dem Säuglingsbrei ein Bio-Siegel, deshalb steht auf der Waschanleitung des Strampelanzugs der Hinweis: 100 % Öko-Baumwolle. Deshalb wirbt die Stammzellbank Eticur für sich selbst als »Garant für Sicherheit«.
Das Profitable am Vertrauen: Haben sie es einmal gefasst, bleiben Kunden einer Marke treu. Je früher sie sich binden, desto besser. »Sich ins Kundenhirn eingraben«, nennt Briesemeister diesen Gewöhnungsprozess. Das funktioniert auch bei Schwangeren und Müttern: Deshalb deponieren Hersteller Proben ihrer Brustwarzencremes, Babyöle oder Beißringe gleich kistenweise bei Frauenärzten und Hebammen. Reichen diese Vertrauenspersonen die Produkte dann an ihre Patientinnen weiter, wird aus der markentechnisch unbehausten Mutter eine anhängliche Kundin.
»Kaufkräftige Eltern, die voller Sorge auf ihr Kind blicken, treffen auf eine Industrie, die das ausnutzt«, sagt Claudia Lowitz. Die Hebamme hat Platz genommen in einem Café im Münchner Glockenbachviertel. Lowitz, 51 Jahre, mit Lachfalten und gesundem Teint, bestellt frisch gepressten Orangensaft. Die dreifache Mutter kennt sich aus mit dem Geschäft ums Kinderkriegen. Seit 30 Jahren betreut sie Schwangere und Mütter. Doch Lowitz sieht verängstigte Eltern nicht bloß als Opfer von Vermarktungstricks. Sie folgten den Kaufappellen der Industrie auch bereitwillig. Sie kompensierten fehlende Zeit durch Konsum. Woran es Eltern heute nämlich mangele, seien Muße und Geduld. »Für jedes Problem erwarten sie eine schnelle Lösung.« Die Hebamme erzählt von Schwangeren, die nicht hören wollen, dass ihre Beschwerden von alleine vergehen – mit Warten, Bettruhe und etwas Wärme im Rücken. »Lieber möchten sie eine Liste mit Mittelchen, die sie in der Apotheke abhaken können. Sie verlangen ein Erfolgsrezept – und zwar sofort.«
Auch ins eigene Kind fehle das Vertrauen: Bei ihren Hausbesuchen kontrolliert Lowitz, ob das Neugeborene gut gedeiht. Für sie ist das eine Blickdiagnose. Doch ein »alles in Ordnung« reiche den Eltern nicht, erzählt die Hebamme. »Sie wollen einen Befund: eine Größe, ein Gewicht, einen Prozentpunkt, irgendeine Zahl, die sie mit dem Normwert abgleichen können.« Deshalb findet Lowitz in den Kinderzimmern nun Babywaagen, mit denen die Eltern die Gewichtszunahme ihres Säuglings überwachen. Lowitz sagt: »Es entsteht ein normgerichteter Blick aufs Kind. Und die Norm wird dabei immer enger.«
Das Geschäft mit der Elternangst floriert also im Zusammenspiel derer, die eine Marktlücke wittern, und jener, die gegen die eigene Unsicherheit ankonsumieren. In diesem Spannungsfeld erwächst ein Massenmarkt. Doch wieso sind junge Eltern so verunsichert? Die Frage führt zur letzten Station meiner Reise: einem kleinen Weiler in Oberschwaben nahe Ravensburg. In einem Haus mit großem Garten lebt Herbert Renz-Polster mit Ehefrau und dem jüngsten ihrer vier Kinder. Der Kinderarzt hat mehrere seriöse Elternratgeber verfasst. Kinder verstehen heißt sein bekanntester. Renz-Polster, hagere Statur, wirres Haar, große Hände, bittet mit weichem, schwäbischem Akzent ins Haus. Jedes Zimmer ist tapeziert mit Familienfotos, die jemand ungerahmt mit Tesafilm an die Wand geklebt hat. Ein Haus voller glücklicher Kindermomentaufnahmen. Im Wohnzimmer bekomme ich Tee mit frischen Kräutern aus dem Garten serviert. Wir sprechen über den Erwartungsdruck der Eltern und die Kompetenz ihrer Kinder.
Herbert Renz-Polster ist Kinderarzt und Verfasser mehrerer Eltern-Ratgeber
DIE ZEIT: Herr Renz-Polster, warum sind Eltern heute so ängstlich?
Renz-Polster: Eltern lesen vor der Geburt zwar Dutzende Babyratgeber, halten im Kreißsaal aber erstmals ein Neugeborenes auf dem Arm. Früher in der Großfamilie war der Umgang mit kleinen Kindern viel natürlicher. Das Wissen ums Kind wurde beiläufig von Mutter zu Mutter weitergegeben. Heute sitzen Eltern allein mit dem Säugling in der Dreizimmerwohnung und sind auf sich selbst gestellt. Das Papa-Mama-Kind-Modell ist in der Evolution aber nicht vorgesehen, über Jahrtausende herrschte ein kooperatives Brutmodell.
ZEIT: Machen wir Eltern uns den Stress auch selbst?
Renz-Polster: Wir leben in einer Diktatur der Normativität. Wir erdrücken unser Kind mit Erwartungen: Nach drei Monaten soll es durchschlafen, nach einem Jahr fit für die Krippe sein, nach zwei Jahren keine Windel mehr brauchen. Das geht in der Schule weiter. Das Kind muss sein Entwicklungspensum erfüllen, damit es im globalisierten Wettkampf nicht abgehängt wird. Mich stört das »damit«: Wir knüpfen jeden Entwicklungsschritt an eine Funktionserwartung. Der Kopf von Eltern ist voll von Zielen und Vergleichen. Das erzeugt Stress.
ZEIT: Was macht das mit den Kindern?
Renz-Polster: Wenn Ängste und Sorgen uns beherrschen, lassen wir uns nicht auf das Kind ein. Wir sitzen neben dem Baby, doch anstatt es anzusehen, um es besser zu verstehen, lesen wir lieber in einem Handbuch. Wir beobachten es durch eine Milchglasscheibe. Das schafft Distanz. Unsichere Eltern verunsichern auch ihre Kinder: Die weinen und klammern, essen und schlafen schlecht.
ZEIT: Was die Eltern noch mehr beunruhigt ...
Renz-Polster: So entsteht ein Teufelskreis der Angst, in dem wir Vertrauen durch Technik ersetzen. Sensoren, Kameras und Apps polen uns darauf, nicht normgerechtes Verhalten zu erkennen. Wir sehen nur noch den Fehler, die Abweichung von der Norm. So erschaffen wir programmierte Kinder.
ZEIT: Was braucht ein Kind wirklich?
Renz-Polster: Verlässliche, authentische und feinfühlige Beziehungen. Ein Kind entfaltet sich am besten zwischen den beiden Polen Bindung und Exploration: Es braucht einen sicheren Hafen, von dem aus es die Welt erkunden kann. Sperren wir unsere Kinder aber in Sicherheitskorridore ein, können sie kein Selbstvertrauen entwickeln. Das ist der Grund, warum viele Vorschulkinder nicht mehr rückwärts über einen Schwebebalken balancieren können. Wir geben ihnen kaum noch eine Chance zu üben – und dabei auch mal hinzufallen.
ZEIT: Was können Eltern tun gegen die Angst?
Renz-Polster: Sie sollten ihrem Kind vertrauen. Denn Kinder sind kompetent. Wenn sie auf ihrem jahrtausendealten Weg bestehen konnten, dann nicht, weil sie eine Ansammlung von Problemen und Schwächen sind, sondern weil sie Antworten auf sämtliche Herausforderungen gefunden haben. Weil sie Stärken entwickelt haben. Warum also sollten unsere Kinder uns Angst einjagen? Die Sorgen der Eltern sind oft genug deren eigene Erfindungen.
Als ich mich drei Stunden später vom Kinderarzt Renz-Polster verabschiede, schimpft seine Frau ein bisschen mit ihm, weil ich doch schwanger bin und er vor lauter Reden das Mittagessen vergessen hat. Deshalb schmiert Renz-Polster mir noch rasch ein paar Stullen für den Heimweg. Erst dann darf ich fahren. Beruhigt mache ich mich auf den Heimweg, denn durch das Gespräch ist mir klar geworden: Die Angst um den Nachwuchs verliert ihren Schrecken, wenn wir sie als das erkennen, was sie meistens ist – ein Hirngespinst von jungen Eltern, das sich eine ganze Industrie zunutze macht.